Ist Ubuntu Größenwahn?

Gerade habe ich bei Heise Online einen Artikel (Link zum Artikel/Kommentar bei Heise) gelesen, der diese Frage stellt.

Meiner Meinung nach hat Ubuntu bzw. deren "Mutter" Canonical vor allem in den letzten 8/9 Jahren ein paar schwere Fehlentscheidungen getroffen.

Vor allem ein paar Eigenentwicklungen hätte man sich sicher sparen können und hier mehr an den bereits bestehenden Projekten mitwirken können.
Ein signifikantes Beispiel ist hier die Eigenentwicklung Mir als Nachfolger des X-Servers. Hier wäre es meiner Meinung nach sinnvoller gewesen, Geld und Ressourcen in das bereits bestehende Projekt "Wayland" zu investieren anstatt, das Rad neu zu erfinden. Am Ende hätten bestimmt sowohl die Linux-Community als Ganzes, als auch Canonical und Ubuntu vom Ergebnis profitiert.

Auch wenn Unity und das Ubuntu Phone Projekt nun eingestampft werden, halte ich es für sehr falsch, Unity als "Teufelszeug" abzutun.

Ubuntu ist die einzige mir bekannte Linux-Distribution, die einen derart hohen Verbreitungsgrad beim "Otto-Normal-Anwender" erreicht hat und durchaus eine passable Alternative zu Windows oder Mac ist. Mittlerweile setzen auch immer mehr öffentliche Verwaltungen (z.B. die französische Nationalversammlung und die französische Gendarmerie) auf Ubuntu.  Die Installation gestaltet sich vergleichsweise einfach, die Systemstruktur ist vom Konzept her sicherer als bei anderen Systemen und über die Paketverwaltungen lässt sich das System sehr aktuell halten.

Unity als Desktop-Oberfläche ist nach einer wirklich leichten Lernkurve leicht benutzbar. Optisch war für mich bis vor ein paar Jahren Unity die erste Wahl, alles andere war nicht wirklich benutzerfreundlich und unschön. Mittlerweile haben KDE mit seiner Version 5 und GNOME mit seiner Version 3 sehr gut nachgezogen und alle sehen gut aus. Letzten Endes ist die Wahl der Oberfläche eine Frage des eigenen Geschmacks, das ist klar.

Kritisch sehe ich Abstürze von Unity und an manchen Stellen ist sie auch schwerfällig. Die Abstürze waren aber eher bei Compiz bzw. dem X-Server zu verorten, den man für eine grafische Darstellung auf dem Desktop egal bei welcher Oberfläche braucht. Deshalb wäre ein "Weitermachen" von Canonical bei Wayland sehr wünschenswert, um hier eine moderne Basis für alle unix-artigen  Betriebssysteme zu schaffen, bei der möglichst viele "Big Player" mitziehen.

Generell finde ich, dass die Vielfältigkeit von Linux gleichzeitig Fluch und Segen ist. Gerade was die Treiberunterstützung angeht, ein Dauerproblem. Ubuntu hat es durch seine relativ hohe Verbreitung verglichen mit anderen Linux Distributionen geschafft, Linux ein großes Stück salonfähig zu machen, sodass es mittlerweile z.B. Spieleportierungen auf Linux gibt und normale Händler Linux-Notebooks anbieten . Auch Steam gibt es für Linux. Natürlich verlangen die Spiele eine möglichst optimale Hardwarenutzung und so wird es für Hardwarefirmen wie z.B. NVIDIA interessanter, aktuelle Treiber bereit zu stellen. Hier lässt sich streiten, wie die Bereitstellung auszusehen hat (offene Lizenz oder nicht), für einen (Normal-)Anwender aber ist es wichtig, dass die Kiste einfach läuft und macht was sie soll. Die Lizenz ist hier nicht relevant.

Innovationen brauchen Menschen, die bereit sind sie zu wagen. Das ist meiner Meinung nach kein Größenwahn. Mark Shuttleworth, Millionär und Ubuntu-Gründer hat es ganz gut hinbekommen, für die Anwendergruppe "Normalnutzer" ein alltagstaugliches Linux zu schaffen, auch wenn  manches daneben ging. Nerds und Fachanwender wie die NASA haben genug Alternativen, ein Linux für ihre Bedürfnisse zu schaffen/anzupassen. Dass Shuttleworth nun die Reißleine zieht, ist sicher kein einfacher Schritt, deshalb sehr zu honorieren. Größenwahn wäre es finde ich, an "toten Pferden" festzuhalten.

In Foren und sozialen Medien leisten sich manche Maintainer/Entwickler einen sehr kautzigen bis arroganten Tonfall, der mich eher an Größenwahn erinnert. Ich würde mir als Anwender wünschen, dass die Ressourcen an Geld, Zeit und Entwicklern in der Linuxwelt generell wieder mehr gebündelt werden, am besten in der Linux-Foundation oder anderen gemeinnützigen Organisationen. Ziel sollte ein Miteinander sein, denn so sollten sich Probleme leichter lösen und möglichst optimale Ergebnisse erzielen lassen.